• #Sommerklassiker: Jeremias Gotthelf und die Angst vor dem Fremden
    Jul 3 2026

    Klassiker in der Literatur sind wie Bilder in einem Museum: einbalsamierte Kunst, überhöht und deshalb still gelegt. Klassiker ärgern niemanden mehr. Schade eigentlich. Als kleine Sommerserie habe ich mir dieses Jahr deshalb vorgenommen, sechs Klassiker mit frischem Blick zu lesen. Den Anfang macht Jeremias Gotthelf. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie man einen streitbaren Autor ruhig stellt: Der Pfarrer aus dem Emmental gilt heute als pittoreskes Beispiel eines Erzählers aus dem Biedermeier. Doch seine Texte haben Sprengkraft, sind sozialkritisch, ja politisch. Ganz besonders gilt das für «Die schwarze Spinne», eine Novelle über den Teufel, das Emmental und die Fremden. Ich habe die Geschichte neu gelesen. Mir ist dabei eine Figur im Gedächtnis geblieben, die wir meistens falsch verstehen. Ich beginne meine Sommerserie deshalb mit einem frischen Blick auf diese schwarze Erzählung. Als interaktive Ergänzung habe ich dazu ein «Sommerklassiker: Quiz» kreiert. Da können Sie Ihr eigenes Wissen über Jeremias Gotthelf testen.

    Matthias Zehnder ist Autor und Medienwissenschaftler in Basel. Er ist bekannt für inspirierende Texte, Vorträge und Seminare über Medien, die Digitalisierung und KI.
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    12 mins
  • Haruki Murakami und der Rhythmus des Schreibens
    Jun 26 2026

    Vielleicht kennen Sie das: Vor Ihnen liegt ein leeres, weisses Blatt. Sie starren auf das Blatt und fühlen sich zurückversetzt in die Schule: Matheprüfung, erste Aufgabe, keine Ahnung. Doch es geht nicht um Mathematik, es geht darum, den Anfang zu finden. Das Problem ist nicht das Blatt. Ein leerer Bildschirm kann genauso schlimm sein: Und höhnisch blinkt der Cursor … Ich sitze davor, wie das Kaninchen vor der berühmten Schlange. Versuche, den Cursor wegzustarren. Schaue durch das Blatt hindurch. Und plötzlich ist die Idee da. Die Hand beginnt zu schreiben, die Finger tanzen über das Keyboard, der Text fliesst nur so heraus. Zwei, drei Seiten in einem Zug. Dann taucht man aus dem Text auf wie Mark Spitz aus dem Wasser nach 100 Meter Butterfly – und hat nicht die geringste Ahnung, wie viel Zeit verstrichen ist. 10 Minuten? 15 Minuten? Was: Eine Stunde? Unmöglich! Das ist der Flow, das Gefühl einer nahezu mühelosen, fliessenden Bewegung, bei der Körper und Geist harmonisch zusammenarbeiten. Handlung und Bewusstsein verschmelzen, man denkt nicht mehr über sein Tun nach. Spitzensportler kennen das gut. Aber nicht nur Skirennfahrer und Marathonläufer können in einen Flow kommen, sondern auch Geistesarbeiter. Wie das geht, hat der japanische Schriftsteller Haruki Murakami in einem Buch beschrieben: «Wovon ich rede, wenn ich von Laufen rede» heisst es. Laufen und Schreiben haben tatsächlich mehr miteinander zu tun, als man meint. Ich habe deshalb die aktuelle Flow-Forschung und Haruki Murakamis Buch über das Laufen zu einem kleinen Denkwerkzeug verbunden: Mein «Taktgeber» hilft Ihnen, beim Schreiben in den Flow zu kommen.Videobeschreibung wok02626

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    19 mins
  • Arthur Schnitzler und das innere Sprechen
    Jun 19 2026

    Vermutlich ist das wichtigste Gespräch, das Sie heute geführt haben, das Gespräch mit Ihnen selbst. Gemeint ist damit kein brabbelndes Selbstgespräch, sondern das, was der russische Psychologe Lev Semjonowitsch Vygotski «inneres Sprechen» genannt hat. Das sind keine elaborierten Dialoge, sondern ein bruchstückhaftes Versprachlichen von Gedanken und Handlungen. Dem Gehirn kommt es dabei nicht auf die Grammatik an, sondern nur auf den Sinn, den emotionalen und inhaltlichen Gehalt der Wörter. Für unser Denken und Verhalten ist das ein fundamental wichtiges kognitives Werkzeug. Das innere Sprechen unterstützt das Gehirn bei seiner Arbeit. Es strukturiert Inhalte im Arbeitsgedächtnis, erleichtert uns den Wechsel zwischen verschiedenen Rollen und Aufgaben und hilft dabei, impulsive Reaktionen zu hemmen. Besonders wichtig ist es für das Schreiben: In der Ideenfindungsphase durchsuchen wir beim inneren Sprechen unser Gedächtnis und formen Konzepte. Genau da grätscht heute die KI auf eine Art und Weise in den Prozess, die einem Gennaro Gattuso zur Ehre gereichen würde: Mit ihren Textvorschlägen unterbricht die KI den internen Ideenfindungsprozess und mischt sich rustikal ins innere Gespräch ein. Statt dass wir uns selbst befragen und herausfinden, was wir darüber denken, geht es immer häufiger nur noch um die Frage «Stimme ich dem Vorschlag der KI zu?» Der Autor wird vom Kreator zum blossen Evaluator. Ich habe Ihnen deshalb ein Denkwerkzeug gebaut, das Ihnen hilft, dem inneren Sprechen beim Schreiben auf die Spur zu kommen und forschungsbasierte Tipps für den guten Einsatz der KI beim Schreiben zusammengestellt.

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    20 mins
  • Peter Stamm und der Sprachstil des Kolibris
    Jun 12 2026

    Videobeschreibung Wenn Sie sich auch nur ein bisschen auskennen in der deutschen Literatur, genügen Ihnen zwei, drei Sätze, um einen Text von Thomas Mann, von Franz Kafka, von Thomas Bernhard oder von Peter Stamm zu erkennen. Obwohl alle vier in derselben Sprache schreiben, drücken sie sich völlig unterschiedlich darin aus. Anders gesagt: Ihr Sprachstil unterscheidet sich. Auf Englisch spricht man von der eigenen Stimme, «his own voice». Das ist ein schöner Ausdruck: Mein eigener Sprachstil ist tatsächlich meine eigene Stimme. Diese individuelle sprachliche Stimme ist keine Einbildung: Der Sprachstil lässt sich mathematisch vermessen. Wie gut das funktioniert, zeigte 2013 der Fall um den Roman «The Cuckoo’s Calling», also: Der Ruf des Kuckucks, von einem Autor namens Robert Galbraith. Bald wurde gemunkelt, es handle sich dabei um ein Pseudonym von J.K. Rowling. Ein amerikanischer Computerlinguist analysierte die Sprache des Romans und verglich ihn mit J.K. Rowlings Büchern und mit Werken anderer Krimiautorinnen. Die sprachstatistische Analyse zeigte, dass der Roman stilistisch deutlich näher bei J.K. Rowling lag als bei jeder der Vergleichsautorinnen. Wir alle erzeugen beim Schreiben offenbar einen eindeutigen sprachlichen Fingerabdruck, eine Sprachsignatur, die unseren Stil oder eben: unsere sprachliche Stimme ausmacht. Doch diese eigene Stimme ist in Gefahr: Die redigierende und korrigierende KI mittet Sprache ein und bügelt Eigenheiten weg. Wir hinterlassen sprachlich keine Fingerabdrücke mehr – es ist, als würden wir alle Plastikhandschuhe tragen beim Schreiben. Ich zeige Ihnen deshalb diese Woche, welche Elemente den eigenen Sprachstil ausmachen und ich biete Ihnen mit meinem Stil-O-Meter ein digitales Werkzeug, mit dem Sie Ihren eigenen Sprachstil vermessen und verbessern können.woko2624

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    25 mins
  • Rainer Maria Rilke und die Aufmerksamkeit der Antilope
    Jun 5 2026

    Haben Sie schon einmal versucht, eine Katze zu fotografieren? Sie nähern sich der Katze mit der Kamera oder dem Handy, rufen ihren Namen und versuchen sie dazu zu bringen, direkt ins Objektiv zu blicken. Ein Bild, auf dem die Katzenaugen einen direkt anschauen, wäre faszinierend. Doch nach kürzester Zeit gleitet der Blick der Katze ab. Sie schaut an einem vorbei, dreht die Ohren nach dem Piepen eines Vogels und dann gähnt sie auch noch. Alles Rufen, Schnalzen und Schmeicheln hilft nichts, die Katze scheint nicht interessiert. Genauso geht es mir immer häufiger, wenn ich mit Menschen rede. Am Anfang ist die Aufmerksamkeit da, doch sie lässt schnell nach und wendet sich sofort dem Piepen des Mobiltelefons zu, wenn es einen Laut von sich gibt. Jahrelang war davon die Rede, dass Aufmerksamkeit die wichtigste Währung ist im Internet und auf dem Handy. Doch in unseren Köpfen scheint sich dabei etwas Zentrales verschoben zu haben. Das bestätigen gleich mehrere Studien. Dabei geht es interessanterweise nicht einfach darum, dass sich viele Menschen nicht mehr auf etwas konzentrieren können, sie haben vor allem die Fähigkeit verloren, den Überblick zu gewinnen. Rainer Maria Rilke beschreibt diese breite Wahrnehmung der Welt in wunderbaren Worten. Was passiert mit uns, wenn wir unsere Aufmerksamkeit verlieren? Mit einem kleinen Denkwerkzeug biete ich Ihnen diese Woche die Möglichkeit, wissenschaftlich fundiert zu testen, wie es um Ihre eigene Aufmerksamkeit bestellt ist.

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    23 mins
  • Robert Walser und das wandernde Bewusstsein
    May 29 2026

    Neben dem Zappel-Philipp und dem Suppen-Kasper ist der Hanns Guck-in-die-Luft eine der einprägsamsten Figuren aus dem «Struwwelpeter»: In knappen Strichen und Versen porträtiert Heinrich Hoffmann den Tagträumer Hanns, der vor lauter «in die Luft gucken» ins Wasser fällt. Die damit verbundene pädagogische Botschaft ist klar: Kind, bleib bei der Sache, Tagträume bekommen einem nicht. 150 Jahre später ändert sich das radikal: Der amerikanische Neurowissenschaftler Marcus Raichle entdeckt ein Netzwerk im Gehirn, das dann am aktivsten ist, wenn wir nichts Konkretes tun: Tagträumen, Herumschweifen, in die Luft gucken. Wenig später gelang es den beiden Kognitionspsychologen Jonathan Smallwood und Jonathan W. Schooler nachzuweisen, dass dieses Netzwerk keineswegs seine Energie mit unnützem Träumen verplempert: Es ist zuständig für die kreative Inkubation. Sie konnten zeigen, dass eine Pause, in der der Verstand abschweifen darf, die Lösung eines kreativen Problems erleichtert. Robert Walser wusste das schon lange: «Auf einem schönen und weitschweifigen Spaziergang fallen mir tausend brauchbare nützliche Gedanken ein», schrieb er 1917 in seiner Erzählung «Der Spaziergang». Kein Wunder kam er zum Schluss: «Spazieren muß ich unbedingt.» Doch der wandernde Geist von Hanns Guck-in-die-Luft ist unter Druck: Die stetig plappernde KI verhindert produktive Leere. Wer auf Ideen angewiesen ist, muss bewusst Raum für kreative Inkubation schaffen. Mit einem kleinen Denkwerkzeug biete ich Ihnen diese Woche genau das: einen wissenschaftlich fundierten «Zahlenspaziergang», der das kreative Gehirn ankurbelt.

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    20 mins
  • Heinrich Kleist und das allmähliche Denken beim Schreiben
    May 22 2026

    Was ist zuerst: die Idee oder der Text? Was für eine Frage, sagen Sie jetzt vielleicht, man kann doch nicht schreiben, bevor man eine Idee hat. Erst kommt das Denken, dann das Schreiben. Mag sein, dass das oft so ist. Ich erlebe es anders. Es kommt immer wieder vor, dass ich einen Gedanken erst beim Schreiben oder vielleicht sogar erst durch das Schreiben entwickle. Wenn ich nach den Ideen für meinen nächsten Kommentar gefragt werde, hab ich auch schon etwas flapsig geantwortet: Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich lese, was ich schreibe? Spannend daran ist: Die Forschung bestätigt das. Schreiben ist kein nachgelagerter Prozess, bei dem nur «ausgedruckt» wird, was im Kopf bereitliegt. Schreiben und Denken sind eng miteinander verbunden. Diese Art des allmählichen Denkens ist allerdings in Gefahr: Die Künstliche Intelligenz bietet uns immer mehr Abkürzungen. «Cognitive Offloading» nennt die Forschung diesen Vorgang. Kurzfristig ist das attraktiv, langfristig hat es zur Folge, dass die eigenen Denkfähigkeiten verkümmern. Dabei wusste schon Heinrich Kleist: «l’idée vient en parlant». Welche Folgen hat das für die Nutzung der KI? Müssen die Programme bald wie Zigarettenpackungen vor den Konsequenzen warnen? Oder kann KI uns auch klug machen, wenn wir sie richtig einsetzen? Um Sie ohne KI zum Denken zu bringen, habe ich Ihnen auch diese Woche ein Denkwerkzeug gebaut, das Sie beim Denken unterstützt: Mein Denk-O-Skop.

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    17 mins
  • Max Frisch und der Körper als Korrektiv für das Ich
    May 15 2026

    In meinem persönlichen Umfeld ist eine Person an Demenz erkrankt. Noch bewältigt sie ihren Alltag erstaunlich gut, aber es kommt immer mal wieder zu rätselhaften Ereignissen. Ein Problem dabei ist, dass die Person kaum mehr zuverlässig Auskunft geben kann. Sie beantwortet Fragen immer prompt und sicher. Manchmal stimmt, was sie sagt, manchmal ist es offensichtlich falsch. Sie selbst ist immer überzeugt davon, die Wahrheit zu sagen. Wir benötigen zuweilen fast schon detektivische Anstrengungen, um herauszufinden, was wahr ist und was falsch. Mich erinnert das an Halluzinationen der Künstlichen Intelligenz: Auch die KI kann uns mit derselben Sicherheit die ganze Wahrheit und völligen Quatsch verkünden. Sie erfindet Gerichtsurteile, Zeitungsartikel, ja ganze Bücher und bleibt manchmal bei ihren Behauptungen, auch wenn man sie darauf hinweist. Was haben Demenz und KI gemeinsam? Wie verlässlich sind unsere Erinnerungen, ja: unsere Wahrnehmungen? Sind wir der KI ähnlicher als uns lieb ist? Einen wichtigen Unterschied kennen wir alle: Anders als Menschen, die sich ganz wörtlich einen blutigen Schädel holen, wenn sie die Welt falsch einschätzen, haben die Halluzinationen keine Konsequenzen für die KI. Eine wichtige Anregung habe ich in «Homo Faber» von Max Frisch gefunden. Damit Sie ganz konkret davon profitieren können, habe ich Ihnen auch diese Woche ein Denkwerkzeug gebaut: den Faber-Test, der Ihnen hilft, sich Ihrer Körperlichkeit bewusst zu werden.

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    23 mins